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Kürbiskerne aus China: bald knapper und teurer

Herr Hönig, worin genau besteht aktuell die Problematik beim Einkauf von chinesischen Kürbiskernen?
Sascha Hönig:
 Zum einen gibt es in China eine deutliche geografische Verlagerung des Kürbisanbaugebiets. Bis vor Kurzem war der Nordosten das Hauptanbaugebiet, speziell die Region Heilongjiang, die im Norden und Osten an Russland, im Süden an die Provinz Jilin und im Westen an die Innere Mongolei grenzt. Dort wird inzwischen kaum mehr etwas angebaut. Heute werden hauptsächlich noch in der Inneren Mongolei und in der Provinz Xinjiang Kürbisse kultiviert. Diese ist allerdings dafür bekannt, dass dort die Menschenrechte vielfach nicht geachtet werden und man von keinerlei sozialen Standards ausgehen kann. Dies stellt ein großes Problem für die Einhaltung des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes dar.

Woraus hat sich diese geografische Verschiebung ergeben?
Das hängt damit zusammen, dass die Landwirte in Heilongjiang über sehr fruchtbare Böden verfügen und es für sie zurzeit wesentlich attraktiver ist, Feldfrüchte anzubauen, die der Staat subventioniert, weil er sie dringend benötigt. Da sind zum Beispiel Weizen, Reis oder Soja zu nennen, das heißt Waren, die besonders im Hinblick auf die weltweit gestiegenen Agrarrohstoffpreise essenziell sind, um die eigene Bevölkerung zu ernähren. Kürbisse sind im Vergleich dazu weniger wichtig.

In Xinjiang ergibt sich zudem eine höhere Pestizidbelastung. Warum?
Das hat etwas mit der Bodenqualität zu tun. Die Böden dort sind nicht so fruchtbar und sehr trocken. Daher müssen die Landwirte verhältnismäßig große Mengen an Unkrautvernichtern und Insektiziden einsetzen, um ein befriedigendes Ernteergebnis zu erzielen. Das ist bei den schalenlosen Kürbiskernen besonders problematisch, denn sie lagern die Substanzen noch stärker ein, weil es keine Schale mehr gibt, die als Schutz fungieren könnte. Dies ist einer der Gründe, aus denen es immer weniger GWS am Markt und seit einigen Jahren auch keine Bioware mehr aus China gibt.

Was sind die anderen Gründe, aus denen es weniger GWS am Markt gibt?
Es findet auch eine Verschiebung statt, was die Produkte angeht. Die GWS werden in China fast ausschließlich für den Export angebaut, im eigenen Land gibt es keinen nennenswerten Konsum. Doch die Bedeutung des Exportgeschäfts nimmt zunehmend ab, da sich die chinesischen Händler stärker auf den heimischen Markt konzentrieren. Chinesische Verbraucher konsumieren meines Wissens große Mengen von Kürbiskernen, aber als Knabberware noch in der Schale. Da die importierten Nussprodukte aus Kalifornien oder der Türkei vielen inzwischen zu teuer geworden sind, gibt es eine größere Nachfrage nach Snackprodukten, die im eigenen Land angebaut werden. Das haben auch die Landwirte und Händler erkannt. Die Folge ist, dass es die GWS, die in Deutschland sehr populär sind, immer weniger gibt und sie hochpreisig geworden sind. Aktuell zahlt man 70 bis 80 Cent mehr pro Kilogramm für die schalenlosen als für die Kerne mit Schale. Das sind 20 bis 25 Prozent mehr – eine enorme Differenz.

Was kann ich jetzt als Bäcker tun, um sicherzustellen, dass ich noch GWS zu einem günstigen Preis bekomme, aber keine Ware aus der Provinz Xinjiang einkaufe?
Es gibt momentan noch Rohware zu erschwinglichen Preisen. Das wird wohl auch noch eine Weile so bleiben und sich erst langsam ändern. Trotzdem sollte man zeitnah die benötigte Ware einkaufen. Und in puncto Lieferkettensicherheit: Wenn einem heutzutage jemand billige Kürbiskerne anbietet, sollte man auf jeden Fall hellhörig werden und nachfragen, woher diese stammen. Allerdings kann es schwierig werden, eine ehrliche Antwort zu bekommen.

Das klingt, als wäre jegliche chinesische Ware problematisch.
Nein, soweit würde ich nicht gehen. Aber man muss genau hinschauen und mindestens zwei Dinge beachten: Zum einen die Ursprungsgarantie, das heißt, man sollte sich bescheinigen lassen, dass die Ware nicht aus Xinjiang stammt. Das ist allerdings schwierig, denn damit schließt man automatisch mehr als 50 Prozent der Gesamtproduktion in China aus. Wenn man bereit ist, ein paar Cent mehr zu zahlen, ist das aber realisierbar. Zum anderen sollte man einen zertifizierten Sozialstandard voraussetzen. International anerkannt ist momentan nur der sogenannte Sedex Members Ethical Trade Audit (SMETA)-Standard. Ein Auditing-Verfahren, das von der Organisation Supplier Ethical Data Exchange (Sedex) entwickelt wurde, um die Einhaltung von Arbeitsrechten, Gesundheits-, Sicherheits- und Umweltstandards sowie Geschäftsethik in der Lieferkette zu überprüfen.Wenn man als Bäckereibetrieb im Kontakt mit dem Händler darauf hinweist und sagt: „Bitte bestätigen Sie mir schriftlich, dass die von Ihnen vertriebenen Kürbiskerne aus- schließlich aus SMETA-zertifizierten Betrieben stammen“, dann ist das eine relativ sichere Sache. Alternativ kann man versuchen, auf verbleibende Rohware aus der Inneren Mongolei oder Heilongjiang auszuweichen. Oder man setzt auf europäische Ware und investiert in steirische Kürbiskerne. Aber diese sind hochpreisiger und damit können mengenmäßig bei weitem nicht alle Bäckereien ihren Bedarf decken.

Dieses Interview ist in der Dezember-Ausgabe von CheckUp Back.Business erschienen.